Kennst du dieses Gefühl, wenn du in eine scheinbar perfekt gereifte Erdbeere beißt – und sofort denkst: naaa, die hätte noch ein bisschen gebraucht? Sie sah perfekt aus, aber der Schein trog… Genau deshalb denke ich, dass Erdbeeren und konzeptionelle Arbeit mehr gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick meint. Und nicht nur, weil beide voller kleiner Körner stecken.
Es scheint eine stille Schlacht – fast schon ein kalter Krieg – zwischen zwei kreativen Ideologien zu geben. Auf der einen Seite: die Langsam‑Reifenden. Verfechter*innen stetigen Fortschritts. Menschen, die daran glauben, Ideen Raum zum Atmen, Wachsen und Setzen zu geben. Ihr Motto: „Lass es sacken.“
Auf der anderen Seite: die Adrenalinjunkies. Sie schwören auf den Kick der letzten Stunde, auf die Magie der Beschränkung, auf messerscharfen Fokus unter Druck. Sie bekommen fast schon einen Rausch davon. Ihr Motto: „Unter Druck sntstehen die Diamanten!“ Diese beiden Lager tun oft so, als könnten sie sich nicht ausstehen. Lieber tot als zusammen im Workshop. Und sie erzählen sich diese Geschichte so oft, dass sie irgendwann selbst daran glauben. Doch in Wahrheit sind sie alles andere als Gegensätze. Sie sind Komplizen – heimliche Geschäftspartner im Mondscheinbetrieb des Erdbeeranbaus.
Wie das zusammenpasst? Ich bin froh, dass du fragst.
Kultivieren vs. Uhrzeit
Diese Frage ist die perfekte Gelegenheit, mein Lieblingswerkzeug rauszuholen: Prozesse. Für mich liegt der Schlüssel darin zu erkennen, dass diese beiden Lager in zwei völlig unterschiedlichen Phasen des gleichen Prozesses glänzen. Wenn es darum geht, Ideen zu entwickeln – zu durchdenken, zu iterieren, reifen zu lassen – dann passt die Erdbeer-Metapher wie die Faust aufs Auge. Das ist die Kultivierungsphase. Sie braucht Zeit. Reflexion. Impulse. Pflege.
Um im Gartenbild zu bleiben: Du pflanzt den Samen. Du gießt ihn (manchmal mit Schweiß und Tränen). Du bringst ihn ans Licht (oder zündest notfalls eine Kerze an, wenn der Tag zu kurz war). Du lässt ihn atmen (und machst selber ein paar Atmungsübungen). Und du gibst ihm Raum, sich zu entfalten.
Die Regel von Cádiz
Zur Untermauerung: Vor etwa fünfzehn Jahren war ich in einem Sommerkurs im wunderschönen Cádiz. Neben einem ordentlichen Update meines Spanischs habe ich eine erstaunlich einfache Faustregel mitgenommen:
Wenn dir eine Frage gestellt wird, ist deine erste Antwort meist das, was du konditioniert wurdest zu sagen.
Die zweite kommt von dem, was du aus deiner Umgebung aufgesogen hast.
Und erst die dritte ist wirklich deine eigene.
Ich habe mir das nicht nur gemerkt, weil es catchy klingt – sondern weil ich immer wieder festgestellt habe, wie viel Wahrheit darin steckt.
Und genau das lässt sich auf konzeptionelles Arbeiten übertragen: Die erste Idee klingt oft ganz smart, hat aber selten Tiefe. Die zweite auch nicht. Du – und die Idee – brauchen Zeit und Raum, damit das Gute an die Oberfläche kommt. Damit es reifen kann.
Jetzt kommt der*die Erntende
Aber wenn wir hier einen Punkt setzen würden, würden wir dem zweiten Lager – den Erntenden – Unrecht tun. Denn wenn wir ehrlich sind: Ganz sich selbst überlassen (ob bei einer Präsentation, einem Konzept oder einem Artikel), landen wir schnell in einer Prokrastinationsschleife. Und verbringen plötzlich eine Ewigkeit mit dem Feinschliff der letzten 1 %. Doch wenn die Vorarbeit getan ist, wenn die Ideen reif sind, dann beginnt das Fließband. Und wenn du nicht aufpasst, verwandelt sich die Erdbeere Punkt Mitternacht in einen Kürbis. (Es sei denn, du pflückst sie vorher.) Spaß beiseite – die Erntephase ist genau der Moment, in dem die Magie der Deadline zündet. Sie bringt dich – sanft oder grob – dazu, deine Energie zu bündeln und das bisher lose Material in Form zu bringen. Und ja, wahrscheinlich ist ein Teil der Magie tatsächlich der Adrenalinrausch. Liefern, also Ernten, ist etwas anderes: Es braucht Entschlossenheit, Fokus, Effizienz – und einen klaren Blick auf das Ziel.
Du kannst die Reifung nicht erzwingen. Du kannst die Ernte nicht vermeiden.
„Aber was ist jetzt mein optimaler Weg??“
„Und was ist mit dem einen Mal, als ich in einer Nacht das beste Paper meines Lebens geschrieben hab?“
Ich freue mich über deinen Forschergeist. Bis in zwei Wochen – dann reden wir genau darüber.